Mit den Zähnen Stress verarbeiten
Knirschen, Bruxismus und Stressverarbeitung
27. July 2020
Stressverarbeitung
„Stress: ich finde noch nicht mal Zeit
mich zu ärgern.“
Anke Maggauer-Kirsche (*1948), dt. Lyrikerin
Viele von uns haben oft Stress, den es zu bewältigen gibt. Jeder geht auch auf seine eigene Art damit um. Einige kompensieren mit Sport, andere mit Entspannung. Wieder andere kompensieren ihren Stress auf eine Weise, die ihnen manchmal gar nicht bewusst ist: mit den Zähnen, beim Knirschen. Warum ist das so und was macht es mit unserem Kauorgan? Wir haben das für Sie zusammengefasst.
Stressverarbeitung
„Das muss ich erst einmal verdauen.“ „Daran habe ich noch länger zu kauen.“ „Das muss ich einmal herunterschlucken.“
Wer hat solche Sätze nicht schon einmal selber gesagt oder von anderen gehört, wenn unangenehme, stressvolle Situationen eingetreten sind? Dies zeigt bereits die symbolhafte Verknüpfung des Kauorgans mit Stress und Stressverarbeitung. Wichtig ist, dass Sie im Blick behalten und aktiv werden, wenn Sie merken, dass Sie Stress wirklich über die Zähne kompensieren. Um starke Defekte an Zähnen zu vermeiden, kann Ihre Zahnärztin/Ihr Zahnarzt mittels BRUX CHECKER® und dem Digital Report BRUX prüfen, wie stark sie tatsächlich knirschen und Sie individuell dazu beraten.
Zähne und Kauorgan (r)evolutionär
Das Kauorgan ist in der Evolution immer schon ein Organ mit hoher emotionaler Komponente. Es dient dem Fangen und Töten, dem Verteidigen der Nachkommen und dem Vertreiben von Rivalen. Emotionen sind also schon immer mit Zähnen verbunden [1]. Ein Hund zeigt den Eckzahn, um Signale auszusenden, dass man bereits zu weit in seine Kreise eingedrungen ist. Andererseits werden beide Lefzen weit zurückgezogen und dabei beide Zahnreihen gezeigt, um jemanden zum Spielen aufzufordern.
Auch beim Menschen kann dieser Zusammenhang noch beobachtet werden. Der Eckzahn ist jedoch nicht mehr so dominant, sondern wurde harmonisch in die Zahnreihen eingeordnet. Der Durchbruch des Eckzahnes findet üblicherweise in der Pubertät statt, eine Zeit hoher emotionaler Auseinandersetzung mit der Umwelt [2].
Die Zähneknirschen als Stressventil
Der Mensch benutzt die Zähne, um in Stressphasen ein Ventil zu haben. Dabei werden Zähne aneinander gerieben. Solche Phasen können tagsüber und auch nachts beobachtet werden. Sie werden als Knirschen und Pressen bezeichnet [3].
Stress macht krank
Es ist bekannt, dass sich körperliche Parameter in Stressphasen verändern – so kommt es zu hormonellen Umstellungen, der Blutdruck steigt, die Atmung wird flacher und schneller, die Zusammensetzung und die Menge bestimmter Körpersekrete verändert sich. Ein trockener Mund in stressigen Phasen zeigt an, dass die Speichelproduktion reduziert wurde.
Stressbedingte Erkrankungen
Als Folge dieser körperlichen Veränderungen treten stressbedingte Erkrankungen auf [4]. Knirschen und Pressen können zumindest teilweise die stressbedingten körperlichen Reaktionen verhindern und zumindest verringern. So sind die hormonellen Veränderungen weniger deutlich ausgeprägt, wenn das Kauorgan zur Stressverarbeitung herangezogen wird. Ebenso werden Hirnareale, die mit dem Gedächtnis in Verbindung stehen, während dem Zähneknirschen aktiviert. Zähne werden dabei stark belastet. Abnützungserscheinungen sind die Folge.
Was bei Zähneknirschen zu beachten ist
Diese Abnützungserscheinungen können durch den Einsatz sogenannter Knirscherschienen verringert werden. Auch ist es wesentlich, bei der Planung eines Zahnersatzes auf das individuelle Knirschverhalten Rücksicht zu nehmen. Es kann angezeigt sein, die Wahl des Materials zur Rekonstruktion der Kauflächen vom Ausmaß des Knirschens abhängig zu machen [5]. Die Stressverarbeitung durch das Kauorgan kann mittlerweile getestet werden, indem eine mit Lebensmittelfarbe eingefärbte dünne Folie angefertigt wird, die tagsüber oder auch in der Nacht getragen werden kann. Die Zahnkontakte werden angezeigt und können analysiert werden [6]. Eine Therapie sollte unter Berücksichtigung aller Aspekte erfolgen. Eine interdisziplinäre Herangehensweise ist in der Regel das Mittel der Wahl [7].
Bruxieren als Stressabbau
Knirschen ist Stressabbau und grundsätzlich keine schlechte Funktion. Wichtig ist aber, dass Defekte an den Zähnen und den Kiefergelenken, die durch das starke Knirschen entstehen können, vermieden werden.
Was können Sie tun?
Wenn Sie Ihr Knirschverhalten überprüfen lassen möchten, dann empfehlen wir Ihnen den Digital Report BRUX. In unserem Zahnarztfinder finden Sie Zahnärztinnen und Zahnärzte, die Ihnen den BRUX-Test anbieten. Machen Sie sich noch heute einen Termin aus!
Bleiben Sie gesund!
Ihr Orehab Minds-Team
1 Sato S und Slavicek R Bruxismus als Stressbewältigungsfunktion des Kauorgans Stomatologie 100.4 87-97 2003
2 Orthlieb JD et al. Temporomandibular joint, occlusion and bruxism Rev Stomatol Chir Maxillofac Chir Orale;117: 207-211; 2213-6533 (2016)
3 Lobbezoo F et al. International consensus on the assessment of bruxism: Report of a work in progress. J Oral Rehabil. 00;1–8 (2018)
4 Saczuk K et al. Relationship between Sleep Bruxism, Perceived Stress, and Coping Strategies International Journal of Environmental Research and Public Health 16.17: 3193 (2019)
5 Orthlieb JD Eight Questions on Intraoral Splint Concepts: an Interview with Prof. Jefrey Okeson J.Stomat.Occ.Med 2; 57-58 (2009)
6 Greven M et al. The use of the BruxChecker in the evaluation and treatment of bruxism Beurteilung und Therapie des Bruxismus mit dem BruxChecker Zeitschrift für Kraniomandibuläre Funktion 7.3: 1-11 (2015)
7 Slavicek G Interdisciplinary—A historical reflection International Journal of Humanities and Social Science 2.20: 107-113 (2012)